Die Hinwendung zum Bösen
Wenn die Moral einer Staatsmacht zersetzt ist, muß ihre Rechtsprechung innerhalb einer kurzen Frist mit Veränderung der geschriebenen Gesetze folgen. Das ist die letzte und abscheu-lichste Umwälzung: Aus einem Rechtsstaat wird ein Unrechtsstaat. Dazu ein beispielhafter Gedanke, der für viele andere Möglichkeiten gel-ten kann.
Der Strafrechtler Eberhard Schmidthäuser schrieb bereits 1970 in seinem „Strafrecht allgemeiner Teil“, daß die bestehende Rechts-grundlage nicht mehr unbeschränkt gelte, son-dern abhängig vom Urteil der Allgemeinheit sei: „Nur insoweit etwas in einem Gemeinwesen für wertvoll erachtet, also als gut anerkannt wird und geistig lebendig ist, kann eine Mißachtung dieser Grundlagen und damit ein Verbrechen vorliegen.“
Ausschlaggebend für die Charakteristik von Gut und Böse, gesetzestreu und ungesetzlich ist folglich keine grundsätzlich bestehende Moral, sondern nur noch eine allgemein anerkannte. Verstanden im Sinne derjenigen moralischen Werte, deren Anerkennung den allgemeinen Zweigen der jeweiligen Kultur und bei Erwach-senen regelmäßig vorausgesetzt werden kann.
Wenn ein unmoralisches Verhalten nur in-nerhalb einer kleinen Gruppe, aufgrund spezi-fischer Gruppenmoral, auf Ablehnung stoßen wird, ist die Bezeichnung: „krimineller Charakter“ des Verhaltens, streng genommen, nur die-er Gruppe vorbehalten.
Die übrige „globale Gesellschaft“, die eine Fülle unterschiedlicher Werte verinnerlicht, läßt sich auf gegenseitige Toleranz zurückführen. Darum darf in ihr die kriminelle Kennzeichnung eines Verhaltens nicht der Ausdruck von Intoleranz sein.
Das Strafrecht orientiert sich demnach nicht mehr nach offenbarten Gesetzen Gottes oder nach dem als unwandelbar angesehenen innewohnenden Gesetz Gottes im Menschen, sondern nach wechselnden Handlungsweisen einer sich stets wandelnden Gesellschaft.
Da die Gesellschaft dauernd in Aufbruchstim-mung ist, wachsen die Unsicherheiten und die Flut der Gesetze, die für eine jeweils neue Konstel-lation mit immer neuen Verordnungen Grundla-gen schaffen müssen. Eine Inflation der Gesetze enthüllt den Rechtsverlust der Gesellschaft. Ge-setzesflut bedeutet Rechtsunsicherheit, weil die Fä-higkeit, Recht und Unrecht von einander zu unter-scheiden, unwiderruflich abnimmt. Das Rechts-empfinden zerfällt. Zugleich wird jeder in diesem Staatsgefüge schuldig, weil die Gesetze nicht mehr überschaubar und transparent sind, so muß jeder Bürger damit rechnen - über kurz oder lang - gegen Gesetze, die er nicht kennt, andauernd zu verstoßen. So wird jeder zum Angeklagten und der Staat zu einer Gesellschaft von Angeklägern. Angst, Bevormundung, schlechtes Gewissen, Mißtrauen gegen Volksvertreter und Rechtsverdrossenheit, fördern die Zerrüttung des Staates, und führen schlußendlich in eine Diktatur, die eine Funktionsfähigkeit der Gesellschaft gegenüber vorgau-kelt.
Wahres christliches Dasein gibt es bereits heute nur noch in Randgruppen. Wer zum Beispiel die Ehe als von Gott geboten- und ihre Auflösung als Sünde wertet, setzt das Schuldprinzip gegen ein Zerrüttungsprinzip; und die moderne Rechts-Auffassung hat den Schuldbegriff bereits durch ein Zerrüttungsbegriff aufgehoben.
Allein die Sprache des Rechts ist längst so christfeindlich geworden, daß beispielsweise Homo-sexualität nicht mehr mit Schuld/Sünde in Zu-sammenhang gebracht werden darf. Sie muß als „andere Liebe“ ja, als legitimes Eheverhältnis einge-stuft werden. Am Ende eines solch zerstörenden Moralumsturzes steht das endgültige Verbot der Bibel. Denn was sich selbst absolut setzt, wird von einer antichristlichen Gesellschaft als friede-störend abgewiesen.
Die Ursache der Auflösung biblischer Moral liegt nicht allein in der Gottlosigkeit gegenwärtiger Men-schen begründet, sondern auch am Ungehorsam der Christenheit. Der Glaube an Gott und Gottes Gebote sind untrennbar, es gibt kein Gesetz ohne einen Gesetzgeber; und Ungehorsam gegen Gottes Gesetze ist zerstörerischer, als Aber-glaube!
Wir Christen müssen zur Kenntnis nehmen, daß der gegenwärtige Moralumsturz klare, begrifflich faßbare Lehrsätze hat. Er hat seine Strategien und seine Strategen: Eine Armee von Journalisten, Soziologen, Lehrern und Professoren. Und sie alle ha-ben direkt oder indirekt wiederum ihre geistigen Väter in der sogenannten „kritischen Theorie“. Die jedoch verstehen sich nicht als irgendein Philosophenklub unter anderen, sondern offen als erkennbare und spürbare Eisbergspitze eines titanischen Untergrunds des Umsturzes aller Werte. Die Erkenntniswelt der „kritischen Theorie“, beherrscht unsere Universitäten, Schulen und Massenmedien.
Jegliche Art von Macht und damit auch jede Form von Autorität muß - so fordert die „kritische Theorie“ - verneint werden. Die innerhalb eines Gebotes an einen Menschen weitergegebene Moral, ist – nach ihren Ansichten - Herrschaftsanspruch; und von daher zu verneinen. Gliederndes Denken und Sprechen, daß es sowohl Subjekt als auch Ob-jekt in einem Satz gibt, daß es Haupt- und Zeitwör-ter gibt, daß einige Wörter im Deutschen groß und andere klein geschrieben werden, zeigt die Do-minanz von Herrschaftsstrukturen, die durch mo-derne Pädagogik schnellstens überwunden werden muß. Die sporadische Enthaltsamkeit von Sexuali-tät, Gehorsam gegenüber Eltern, Lehrern und Vor-gesetzten, Schamgefühl, Ehrfurcht, Tabus sind bei-spielhaft für die Unterdrückung von Freiheit, meinen die Moralumstürzler. Die Überwindung dieser „Un-freiheit“ ist der Kampf gegen Autorität und Lustun-terdrückung. Autoritätslos und lustbetont soll der Mensch leben, um die Freiheit wiederzugewinnen, die im Laufe der Geschichte verloren gegangen ist.
Als Individuum leben, bedeutet durch Machtanspruch entstelltes, Dasein und entfremdetes Leben. Menschlich sind Menschen nur dort, wo sie nicht als Individuum handeln. Darum erwartet man am Ende der Religionen, eine neue kooperative Identi-tät aller. In der Gruppe gibt es keine festen Bin-dungen mehr, Rollen und Pflichten sind beliebig austauschbar. Die Hauswirtin wird Kneipenwir-tin, der Kaufmann wird Hausmann. Der Pastor wird Pastorin, der Priester die Priesterin.
Das Individuum wird aufgehoben; alles, was der einzelne tun darf, soll Aufgabe der Gesamtgruppe sein. Ohne Gruppe - die ihm austauschbare Auf-gaben zuweist - ist der Einzelne nichts, in und mit der Gruppe ist er alles. Die gruppenmobilen Abenteuer, vor allem das in ihnen durchgeführte Rollenspiel, soll die Einzelperson verflüssigen, entkernen und letztlich ganz aufheben. Wenn ein Schauspieler Gott spielt, wird Gott eine vertretbare und austauschbare Rolle. Gott ist dann eine Aufgabe. Aber Gott selbst als Gott, eben als der „ICH bin, der ICH bin“, ist tot.
In diesem Zusammenhang ist von Vetternwirtschaft der Rollen die Rede. Diese Aussage meint, daß Gruppenerwartung und Rolle einander ent-sprechen müssen. Das Individuum verantwortet sich der Gruppe und die überträgt ihm die immer neuen, jedoch immer vorläufigen und immer aus-wechselbaren Verhaltensweisen. Dadurch bleibt ausgeschlossen, daß sich feste Individualität bildet. Die Identität des Einzelnen mit sich selbst darf es nicht geben, sondern nur die Identität des Einzelnen mit der Gruppe.
Gewohnte Autorität muß scheibchenweise zer-stört werden. Die neue Autorität ist die Clique, die Arbeitsgemeinschaft. Dieses Kollektiv setzt aus sich heraus eine neue Moral. Und diese neue Mo-ral entsteht durch Diskussion in der Clique, der Arbeitsgemeinschaft. Voraussetzung für diese Dis-kussion ist ein herrschaftsfreier Raum. Darum darf nur mitdiskutieren, wer nicht unter einem herrschaftlichen Weltbild steht. Der christliche Glaube hat aber ein herrschaftliches Weltbild. Wer Gott als den allmächtigen Vater, Schöpfer Himmels und der Erde proklamiert, steht unter einem ab-zulehnenden Weltbild, und muß der Diskussion der Gruppe fern bleiben. Wer an dieser Diskus-sion teilnimmt, darf keinerlei moralische Maß-stäbe mitbringen. Herkömmliche Moral muß an der Garderobe abgegeben werden, denn die Richtschnü-re in der Unterscheidung zwischen gut und böse, gesellschaftlich stimmig und gesellschaftsfeindlich, werden ja erst im Entwicklungsgang der Diskussion enthüllt.
Es geht in dieser Diskussionsgruppe nicht um die Wahrheit, das wäre ja Herrschaftsstruktur, sondern um die Einigung der Arbeitsgemeinschaft infolge Diskussion. Welche momentanen Verhal-tensregeln für das jeweilige Zusammenleben für eine begrenzte Zeit aufgestellt werden soll, diskutiert die Clique aus. Aber auch diese Gruppen kommen zu keinem endgültigen, sondern immer nur zu vorläufigen Ergebnissen durch jeweilige Einigung. Die Diskussionen sind zahllos. Immer wie-der wird in Frage gestellt, was immer wieder neue Einheit fordert.
Diese unendlichen Diskussionen in den Ar-beitsgemeinschaften, oder Cliquen sind also die neuen Götter der Gesellschaft, die immer neue Gebote verordnen. Das Absolute darf es nicht mehr geben, alles ist in stetigem Fluß. Aus biblischer Sicht ist das ein Rückfall in das Götzentum. Fortsezung folgt
Günter Otto von Deyen